Letzthin saß ich in der S-Bahn einem jungen Paar gegenüber. Sie waren eigentlich mehr als jung, blutjung, mitten im ersten Wachstumsschub der Pubertät. Jenem ersten Jahr, in dem die Glieder schon wachsen, das Gesicht schon frisch und hübsch wird, die Geschlechtsmerkmale schon ausgeprägt, die Mimik aber noch kindlich unberührt. Eigentlich sieht man in diesem Alter die verschiedenen Geschlechter selten zusammen. Aber sie saßen mir plötzlich gegenüber, reizvoll anzuschauen. Ich war hinzugekommen, als sie schon in ihr Gespräch vertieft waren. Sie hatte ein Knie hochgestellt, den Fuß mit Schuh auf dem eigenen Sitz, um sich daran festzuhalten. Auch er, der am Fenster saß, hatte den Fuß auf den Absatz der Heizung gestellt und war auf dem Sitz so weit nach vorne gerutscht, dass er den Po noch gerade auf der Kante hatte. Sie hatte sich an ihn angelehnt, oder jedenfalls war sie schon so nah dran, dass sie schon sehr gute Freunde sein mussten. Und worüber redete das rotwangige, hübsche Paar? Ich lauschte, obwohl man das nicht machen sollte. Sie war ein Stern von einem dunkelhaarigen Mädchen mit rot leuchtenden, leicht feuchten Lippen, er ein braungebrannter Sportjunge mit lockigen, schwarzen Haaren. Worüber redeten sie? Über ihre Kenntnisse von Horrorfilmen. Das klang wie im Schlachthof. „Hast du die vier Maskierten gesehen, wie dem einen das Blut aus den Ohren floss!“, sagte das Mädchen, „ich fand das so krass. Gleichzeitig ist der immer blasser geworden“. – „Man hat so richtig gesehen wie der Blutspiegel absagte, wie in so einem Bierglas“, sagte der Junge. Beide schüttelten den Kopf. „Ich kann da immer nicht hinschauen.“ – „Hast du das mit der Walze gesehen?“ sagt er, deutete das Walzenrollen leicht mit den Fingern an und hob dazu lächelnd seine runden Augenbrauen – „Ja“, sagte sie und stieß ihn an. Er schaute aus dem Fenster und sann. Aber sie wollte das Gespräch weiterführen, und kam auf einen nächsten Film, die nächste Grausamkeit. Er schaute ihr in die Augen, lächelte wissend, – „habe ich auch gesehen.“ Sie berauschten sich und und tuschelten über Geräusche beim Zersägen von Knochen, versengter Haut und Menschen unter lustiger Folter. Ein Liebespaar, mit allen Wassern gewaschen und anscheinend der schlimmsten Welt gewachsen.
Wie anders ging es mir. Ich hatte und habe bislang Grausamkeit selbst nicht erlebt oder gesehen. Dafür aber umso mehr im Geschichtsunterricht und in den Nachrichten davon gehört. Allein die fürchterlichen Dinge, die die Römer mit ihren Gefangenen in den Amphitheatern angestellt hatten. Mich selbst hat es aber nie betroffen, ich kann so tun, als ob die Welt friedlich ist, weil sie auf meinen Wegen sich friedlich gezeigt hat. Kleine Ärgereien und mal eine Faust im Gesicht im Gedränge, dass ist das Schlimmste was ich bezeugen kann, das wirklich passiert ist, in meinem Leben. Stets war es weit weg. Aber in meiner Phantasie habe ich es mir immer wieder vorgestellt, habe Angstträume gehabt, jede Menge und von jeder Foltervariante. Und stets in der Opferrolle oder mitfühlend mit dem Opfer. Wie man sich an Horrorfilmen erfreuen kann, oder diesen „angenehmen Grusel“ erleben kann, freiwillig, ist mir ein Rätsel. Ich denke immer das Schlimmste, wenn es um Möglichkeiten geht. Oder ich denke gar nicht, vermutlich. Ich versuche durch eine Welt zu navigieren, ohne die Grausamkeiten zu erleben, von denen die Medien gerne berichten, und meist bin ich ganz gut daran vorbeigekommen. Und wie weit, denke ich mir auch manchmal, würde ich gehen, um mich oder andere vor ihr zu schützen, wenn es hart auf hart käme? So leicht kommt man doch normal nicht weg im Leben, dass man sich nie entscheiden muss, oder? Oder vielleicht verdränge ich nur geschickt? Es gab drei Situationen an die ich mich sehr genau erinnere, in denen ich diesen leichten Hauch des Schrecklichen gespürt habe. Und sie sind alle wahr, so wahr, dass ich sie fest verdrängt habe. Insofern schreibe ich jetzt etwas auf, was wie erfunden anhört.
1. Nummer eins war in meiner ersten größeren Studentenwohnung im hochgelegenen, zweiten Stock in Schwabing. Es war ein geräumiges Einzimmerappartment, mit Küche, Bad, einem Gang und einem großen Zimmer mit Balkon. „Ein Balkon ist etwas feines“, meinte ein befreundeter Architekt zu mir, „dort kannst du dich nach der Arbeit hinsetzen, einen Tee trinken und etwas Zeitung lesen.“
Ich wohnte gerne dort, es war geräumig genug, Gäste zu haben oder eine Freundin ein paar Tage zur Übernachtung. Von dem Balkon sah man in einen weit nach rechts, hinter einem Mauervorsprung sich weiterziehenden Innenhof. In dem Innenhof stand noch ein zweistöckiges weiteres Gebäude, über das ich aber hinweg sah, bis weiter hinten der Riegel des anderen Quadranten mir die Sicht nahm. Dieser hintere Wohnblock war aber so weit weg, dass man nicht in die Zimmer hineinsah. Das ist ja ein seltsamer Effekt dieser Stadtarchitektur, dass man anonym lebt und gleichzeitig über die Fenster Bewegungen gegenüberliegend in der Distanz wahrnimmt und durch die Beleuchtung auch hineinschauen kann, in ein anderes Leben.
Ich war letztendlich dann doch selten auf diesem Balkon. Er hatte ein nur aus dünnen Eisenstangen bestehendes Geländer, das ich bald mit einem gelben Zeltstoff undurchsichtig machte, den ich durch das Geländer schlängelte und oben an der Handführung anband. Das war eine preiswerte Lösung, aber sie war nicht schön. Darum saß ich dort nur wenige Male, um ein Sonnenfrühstück zu zelebrieren oder jenes abendliche Zeitunglesen, das man mir vorgeschlagen hatte. Der Kontakt zu den Nachbarn war minimal, man grüßte sich auf dem Gang und stellte fest, wie anders andere Leute waren. Die eine etwas jovialere Mieterin, etwa fünfzigjährig, pflegte zwei dicke Katzen in ihrer engen Wohnung, und schimpfte auf den Verkehr. Von draußen sah ich manchmal ihre Katzen am Fenster sitzen. Eine andere achtzigjährige Dame, am gleichen Stockwerk, schminkte sich sehr auffällig. Ich traf sie beim nahen Metzger, und sie erzählte mir mit ihrer hohen Stimme vom Leben als Sekretärin. Ein Mann unter mir, nur wenig älter als ich, suchte eine Stelle als Maschinenbauingenieur. Der jugoslavische Hausmeister neben meiner Wohnung, lebte mit seiner Frau, die putzte, zur Straße hin. Er liebte den gelegentlichen, hochprozentigen Alkohol und war ein hilfsbereiter, feiner Kerl, der im Sommer sein großes, violettes Honda-Motorrad in den Hof fuhr.
Geräusche gab es in einem solchen Innenhof natürlich beständig. Ich lernte wegzuhören, und gleichzeitig hinzuhören, denn das war das vielfältige, ungebundene Leben der Großstadt, weswegen ich dorthin gezogen war. Es galt die Möglichkeiten abzuklopfen und das machte man natürlich indem man anderen dabei zuschaute, und lernte wie anders man es machen kann. Eine dieser Varianten passierte nun eines Nachts, etwa kurz nach Mitternacht, als ich schon schlafen gegangen war. Plötzliches heftiges Geschrei aus dem Innenhof riss mich aus dem Schlaf. Nach einer kurzen Stille, in der ich mich besann, erhob es erneut. Ein begleitendes, tiefes Gepolter trieb mich dann aus dem Bett, auf den Balkon. Links unter mir die ältere Dame stand auch schon auf ihrem Balkon. „Was ist denn da los?“ – fragte ich sie, fröstelnd, nicht wegen der Temperatur, sondern wegen dem sicheren Gespür, dass dies Töne nicht mehr normal waren. Da fing es wieder an, eine Frauenstimme war erkennbar und überschlug sich. Ich lehnte über das Geländer, schaute um den Mauervorsprung und versuchte auszumachen, wo genau der Krach herkam. Es war das tiefere Innenhofgebäude, dessen Eingang rechts unter mir lag, hinter dem Garageninnenhof aber auch halb verdeckt. Die Zimmer waren meist dunkel, eines hatte Licht, allerdings hinter zugezogenen Vorhängen. Dort nahm ich eine Bewegung wahr. Dann kam wieder der Aufschrei, eine leisere tiefe Stimme, dann flog etwas gegen eine Wand und endete mit einem dumpfen Schlag. „Wir müssen die Polizei rufen“, sagte ich unsicher zur Nachbarin, sie bejahte und fragte, ob ich das machen könnte. Also rief ich an, wählte die zentrale Nummer. Der Hörer wurde abgenommen, ich sagte, dass ich Geschrei im Hof hörte, mit einer Frauenstimme, sie sollten kommen. „Wie laut?“ wurde gefragt. Ich sagte, dass ich aus dem Schlaf wachgeworden sei, und eine Nachbarin auch. „Hat die Stimme um Hilfe gerufen?“ Ich überlegte kurz, und sagte „Ja“. – „Können Sie uns zeigen, wo es ist?“ – „Ja“. – „Ok, wir kommen“. – Ich hatte das Wort „Hilfe“ zwar nicht genau gehört, aber andererseits wollte ich, dass sie wirklich kommen. Sie hatten „wir“ gesagt, Mehrzahl, das war gut, ich war erleichtert.
Dann legte ich mich kurz aufs Bett, aber es dauerte tatsächlich nur zwei Minuten, dann hörte ich die Sirenen und ging wieder auf den Balkon. Mehrere Uniformierte strömten in den Innenhof, es waren nicht zwei, es waren 8 oder 10. Gleichzeitig ging bei mir die Klingel und ich drückte den Türknopf. Aus dem Treppen hörte ich unmittelbar den Klang von Stiefeln und Gerassel von Metall. Kurze Zeit später standen zwei Polizisten in schwerer Ledermontur vor mir. Sie hatten neben der Pistole am Gürtel zusätzlich noch einen Schlagstock, und einen breiten Gürtel mit weiteren kleinen Taschen umgeschnallt, der ihren Körpern etwas maschinelles gab. Die angehängten metallenen Handschellen klirrten bei jeder Bewegung, ebenso hallten die Stiefel auf meinem Boden, als der eine mit mir durchs Zimmer zum Balkon ging. Ich wies mit der Hand auf das betreffende Fenster, das jetzt still da lag. Die Nachbarin war auch wieder herausgekommen und nickte. „Ok,“ – sagte der Mann. – „Sie bleiben hier, wir machen das.“ – Dann ging er wieder und sprach dabei in sein Funkgerät.
Kurze Zeit später kam Ordnung in die Mannschaft im Hof. Zwei postierten sich unterhalb des Fensters, zwei an jedem Ende des Weges und vier weitere gingen zum Gebäudeeingang. Einer kniete sich kurz vor das Türschloss, und im Nu war es offen. Jetzt gerade war kein Geräusch zu hören, keine Bewegung hinter dem Fenster. Dann ging dort das Licht an, vielleicht hatte es vorher noch eine Klingelglocke gegeben. Jedenfalls waren sie jetzt in der Wohnung. Unmittelbar danach lockerten die Polizisten unter dem Fenster ihren Stand, sie drehten sogar den Rücken zueinander und sagten irgendetwas. Entwarnung. Alles war geklärt. Ich stand erstaunt in der Dunkelheit und kam mir blöd vor. Wieso war das jetzt alles so schnell vorbei? Hätte ich nicht anrufen sollen? Ich hatte ja nicht erwarten können, dass sie zu zehnt anrückten. In der Zeitung gab es Geschichten, wo Verletzte eine halbe Stunde auf Einsatzkräfte warteten. Dann wiederum dachte ich mir, eine Frau retten, die um Hilfe schreit, das ist die Situation wofür Menschen Polizisten werden. Und wie selten dürfen sie das im realen Leben wirklich tun? Meistens kommen sie, wenn es zu spät ist oder müssen grölende Fußballfans eingrenzen. Naja, und ich bin vielleicht ein ängstlicher Typ, dachte ich mir. Ich schaute hinunter auf die abwandernden Polizisten, keiner schaute zu mir herauf. Offenbar schluckte man den Ärger über den unnötigen Einsatz professionell herunter. Und wer weiß, vielleicht war diese Machtdemonstration auch nicht schlecht für das lärmende Paar.
2. Wer weiß auch, was alles passiert in einer großen Stadt? Allerdings hatte München eine aufgeräumte, und nachts gut beleuchtete Innenstadt, ohne dunkle Ecken. Dementsprechend fühlte ich mich immer sicher. Und bin lange wohnen geblieben in Schwabing, später bei der Freundin in einer anderen Wohnung, noch näher dem studentischen Herzen der Stadt. Stets ging es friedlich und ruhig zu. Verbrechen gab es nur in der Stille, den meisten Lärm darüber machen die Zeitungen. Eines Nachts geschah der Walter Sedlmayer Mord. Ein spektakulärer Fall, da der Schauspieler Sedlmayer sehr bekannt war, und mit der Axt erschlagen worden war. Und das, wie ich in der Zeitung erfuhr, in einem schicken Altbau, nur gerade die Straße hinunter. Woher sollte ich wissen, das der Schauspieler nur fünf Gehminuten weiter die Straße hinunter wohnt? Klar ging man umher, abends vom Konzert nach Hause, rechts ab zum Cafe, überall schöne Altbauten. Klar wohnten da Leute drin, und manche von denen hatten eine Axt. Deswegen konnte ich nicht vor jeder Mauer Angst haben, es war und ist bis heute eine große Stadt mit einer sehr guten Sicherheitsstatistik.
Irgendwann im September hatten wir ein befreundetes Paar zum Essen eingeladen. Es war ein etwas angespannter Abend, denn die neue Freundin war etwas anstrengend und es war klar, dass sie nur eine Interimslösung war. Trotzdem, wir luden beide ein, dazu sind Freunde eben auch da, zumindest in diesem Alter, in den Zwanzigern wenn man cool, jung und endlich unabhängig ist. Wir hatten gekocht, mehrere Gänge und einen schönen Tisch gedeckt. Die Gespräche plätscherten so dahin, und jeder fragte sich auf einer hinteren Linie der Gedanken, warum wir das hier machten. Andererseits muss nun jeder auch etwas essen. Und auch die Zubereitung von Essen ist ein angenehmes Gefühl, wir geben etwas und andere können sich beschenken lassen. Ich kümmerte mich um den Wein, bei dem ich mich eigentlich nicht auskannte, aber ich kümmerte mich, weil es so üblich ist, und versuchte die Gläser verlässlich nachzuschenken, als es an der Tür klingelte.
Zwei Polizisten standen vor der Tür, diesmal im ganz gewöhnlichen grünbraunen Anzug. Die Kragen hinter der Kravatte waren leicht geöffnet, die Schultern leicht gebeugt und der eine der beiden stand etwas weiter hinten schaute zu Boden. Sie bäten vielmals um Entschuldigung, ob es ihnen möglich wäre, bei uns zu telefonieren? Aber sicher, sagte ich und wies ihnen den Weg zum ersten Zimmer, wo unser Telefon angeschlossen war. Noch einmal bat der eine von ihnen um Verständnis, es sei ihm schon klar, dass dies unsere Privatwohnung sei, aber er müsse bitte die Zimmertür schließen. Ok, sagte ich, sie könnten ruhig telefonieren, wie hätten im anderen Zimmer Gäste und würden solange dorthin gehen. Ich weiß nicht mehr, ob wir am Tisch nun über diese Polizisten sprachen. Ich glaube, ich fühlte mich eher gerade heimisch geworden, in Schwabing, einem Ort, an dem ich der örtlichen Polizei einmal aushelfen konnte. Vielleicht war einfach ihr Funkgerät kaputt gegangen und sie mussten sich bei der Zentrale zurückmelden? Wer weiß es eigentlich, was Polizisten für einen Alltag haben? Ich schenkte Wein nach. Unsere Freunde schienen die Umstände auch nicht besonders zu bewerten, jedenfalls plapperte die Aushilfsfreundin weiter vor sich hin. Sie hatte dabei ganz glasige Augen, so wie ein kleines Mädchen, das der Gedanke plagt, sich nur nichts anmerken zu lassen. Und uns anderen ging es nicht viel anders. Ich drehte mich um, und betrachtete meine Bücherwand, um Einfälle zu bekommen, und blieb an meinem Thesaurus hängen, ein eigentlich ideenreiches Buch, das einen zu faszinierenden Gedankensprüngen anregen kann, zu anderen Zeiten aber wie endlose, sinnlose Sammlung von Papierschnipseln vorkommt. So hörte ich das Besteck und den Verkehr hinter dem Fenster auf der Straße, als die Tür zu unserem Esszimmer aufging.
Der Polizist öffnete langsam und bedankte sich für die Telefonbenutzung. Wir gaben uns natürlich höflich, er sah unsere Tischrunde und zögerte. Auch Polizisten sind nur Menschen. Er sagte: „Eigentlich darf ich es Ihnen nicht sagen, aber Sie werden es ohnehin erfahren. Ihre Nachbarin ist ermordet worden.“ Uns blieb der Mund offen stehen. „Wir haben die Tür öffnen lassen“, fuhr er fort, „weil sie mehrere Tage nicht bei der Arbeit war. Eben haben wir sie in ihrer Wohnung hier gefunden.“ – „Mein Gott!“, sagte ich und hielt dabei die Luft an, „Sie meinen Frau R.?“. Wir hatten zwei Wohnungen auf dem Stockwerk, aber es konnte nur die direkt angrenzende Wohnung sein, hinter meinem Bücherregal, die andere wurde von einem Paar bewohnt. „Ich habe nur bemerkt, dass die Zeitung noch vor der Tür lag.“ – „Ihr Bruder hat uns angerufen. Aber ich will Sie nicht weiter stören.“, sagte er und versuchte sich zu fassen. „Es werden in den nächsten Stunden einige Kollegen vorbeikommen. Nur dass Sie sich nicht wundern.“ Ich begleitete ihn hinaus in den Flur: „Und sie lag hier in der Wohnung?“ – „Die Wohnung schien leer zu sein. Dann haben wir alles durchsucht. Im Schrank haben wir sie gefunden.“ – „Möchten Sie ein Glas Wasser?“ – „Nein, vielen Dank, wir müssen noch mal hinunter in den Wagen. Mein Kollege ist ganz blass, er ist jünger. Wir haben beide so etwas noch nicht erlebt.“ Damit ging er aus der Wohnung hinaus, wo der Kollege wartete, aufs Treppengeländer gestützt.
Ich ging zurück zum Esszimmer. Meine Freundin hatte Tränen in den Augen. „Ich habe sie zuletzt vor einer Woche gesprochen. Da hat sie mich auf ein Chorkonzert hingewiesen.“ Ich nahm sie in den Arm. Gleichzeitig schüttelte ich ungläubig den Kopf. Hinter meiner Bücherwand war die Mauer und hinter der Mauer, der einzige große Schrank, den ich aus der Wohnung der Frau R. kannte. Ich hatte ihr einmal geholfen Kisten in die Wohnung hochzutragen. Hinter dieser Wand, hatte sie gelegen. Vielleicht Stunden, vielleicht Tage. Wann immer das passiert war. „Ich habe nichts bemerkt“, sagte ich. „Aus den Augenwinkeln hatte ich die Zeitung vor der Tür bemerkt. Aber es war doch nur eine, oder?“ – „Ich kann nur hoffen, dass sie den erwischen!“, zischte meine Freundin – „Wen?“ – „Da läuft ein Typ herum, der ermordet Frauen!“ – „Ja, schon“, dachte ich. Aber so ganz war mir das nicht bewusst. Wie viele Menschen wohnten in unserem fünfstöckigen Haus, vielleicht fünfzig? Die meisten kannte ich nicht. Mir würde nicht auffallen, wenn da einer nicht dazugehörte. Einer der gerade eine Frau ermordet hat.
„Eure Nachbarin ist ermordet worden?“ – fragte unser Freund am Esstisch, so als ob er erst jetzt den Sachverhalt erfasst hatte. Er machte sich Gedanken über die Tragweite dieser Nachricht: „So viele Leute werden in München nicht ermordet.“ sagte er überlegend, „das wird in die Zeitung kommen.“ – „Sie war eine liebe Frau“, schluchzte meine Freundin. Ich nahm sie in den Arm. Die Nachbarin hatte wirklich eine freundliche Art gehabt, hatte immer fröhlich gegrüßt, ein bisschen dabei mit dem Kopf gewackelt. Eine hohe Stimme hatte sie gehabt und rote, runde Wangen. „Wie alt mochte sie wohl gewesen sein?“ – „Ich weiß nicht, man kennt sich ja so wenig, in diesen Mietshäusern!“ – „Schrecklich! Entschuldigt….“, sagte meine Freundin zu unseren Gästen, „mir ist jetzt nicht mehr nach Essen“. Das ging uns allen so. Nach kurzem hatten wir uns verständigt, dass wir den Abend auflösen wollten, und nach weniger als fünf Minuten hatten die Gäste ihre Mantel gepackt und sich verabschiedet. Draußen blinkte das Polizeilicht.
Bald danach kam ein Krankenwagen und noch zwei schwarze Dienstfahrzeuge. Keine Sirenen. Alles ging in geschäftiger Stille zu. Keiner klopfte mehr an unsere Tür. Wir standen im Gang, sahen die schattenhaft runden Bewegungen sich im Türspion spiegeln und rangen mit der Fassung. Fast mehr als das Gefühl des Schreckens empfand ich Erstaunen über das Unwirkliche der Szene. Das Schleichende und die Stille der Szenerie. Die Männer im Treppenhaus machen kaum Geräusche. Musik oder Radio mochte man in einer solchen Situation natürlich nicht anmachen. So hörte ich plötzlich das Schieben der Hausschuhe über den Teppich, das Klappern des Geschirrs während wir den Tisch abräumten, das Knistern des Pullovers, den sich die Freundin über den Kopf zog, und das Reiben der Haut die mir rieb, im Gesicht und an den Armen. „Hinter der Wand“, dachte ich, und stellte ihn mir vor, den kleinen Körper der Nachbarin, der zusammengekauert im Schrank gelegen hatte und wohl immer noch dort lag, der nun fotografiert wurde und betrachtet von Männern, die solche Situationen bei uns in der Stadt aufräumen. Was waren das für Menschen? Ich schaute durch den Spion. Zwei von ihnen standen im Gang, unterhielten sich leise. Niemand machte ein Spektakel. Gewiss gab es in der Wohnung eine sorgsame Aufnahme der Spuren, der Spuren am Hals, wie ich später erfuhr und der Spuren bei ihrem Geldbeutel. Die Männer im Gang hatten lange Mäntel an, hatten bleiche Gesichter, genau wie im Fernsehen, völlig wetterunabhängig, sie bewegten die Arme langsam, ohne irgendwelche Gesten, nüchtern, wenn auch nicht grob, durchaus mit einem möglicherweise vorhandenen Mitgefühl, aber nicht mehr mit so einem Schock, wie die Polizisten vorher, die nun nicht mehr zu sehen waren.
Ich selbst versuchte meine Gefühle zu sortieren. Die Freundin saß mit Tränen auf ihrem Bett, hatte die Knie angezogen und fest mit den Armen umschlossen. „Sie war so eine liebe Frau!“, sagte sie. „Wann hast du sie zum letzten Mal gesprochen?“, fragte ich. „Es ist nicht lange her. Sie hat mir von ihrem Kirchenchor erzählt.“ – Sie schluchzte, „da wird sie jetzt nicht mehr …“ Ich setzte mich neben sie und hielt sie fest. Wie konnte das alles passiert sein? Und so leise? Mir war in den letzten Tagen nichts aufgefallen. Gar nichts. Mein eigenes Leben beschäftigte mich tagtäglich. Manchmal im Treppenhaus nahm ich andere Personen wahr, die hier wohnten. Es waren auf fünf Stockwerken jeweils fünf Wohnungen. Trotzdem sah man selten jemanden. Schon gar nicht die ganze Menge der Menschen, es mussten ja mindestens 25 Menschen sein, vermutlich eher fünfzig. Kinder gab es nur zwei oder drei. Und Frau R.? – Ich sann nach, konnte mir kaum eine lebendige Szene ins Gedächtnis rufen, bei der wir sie zuletzt gesehen hatten. Während sie nun drüben ihren Körper aus dem Schrank holten und auf eine Bahre legten. Ein Mord. Irgendwann in den letzten Tagen wird es passiert sein. Irgendeine Person, wird die Wohnung verlassen haben, die einen Mord begangen hatte. Vielleicht war ich ihr im Gang begegnet, hatte gegrüßt, hatte vielleicht die Aufzugtür offen gehalten. Mein Gott, das machte man doch! „Hinter der Wand, hinter dem Regal“, dachte ich, „dort hat sie gelebt. Die letzten Jahre, ruhig und unauffällig und freundlich. Warum sollte jemand eine solche Frau umbringen? Das war so unnötig. Kein Streit jemals, kein lauter Freundesbesuch, wenn überhaupt Freunde. Wir wussten gar nichts von ihr.“ Müde legten wir uns hin und schliefen schwer.
Der nächste Morgen war ein Sonntag. Mit heißem, kurzen Schrecken wachte ich auf, und dachte an die Ereignisse der letzten Nacht. Draußen vor dem Fenster wehte der Wind, es war nass, die Straße spiegelte das Regenwasser. Keine besonderen Autos standen mehr vor dem Haus. Die Wohnungstür der Nachbarin war mit einem weiß-roten Band rundherum versiegelt. Das war alles. Kein Schild „Achtung Tatort“, keine Wache, niemand da. Und hinter der Tür, auch niemand mehr. Ein Person weniger, dachte ich, wie merkt man das?
Am Montag kam die Meldung in den lokalen Zeitungen. Die eine machte sogar damit auf: „Siemens Sekretärin ermordert“. Der Titel warf ein interessantes Licht auf den möglichen Arbeitsalltag bei dieser Firma. Im Text standen dann ganz unverfängliche Kleinigkeiten von ihrer Teilnahme am Kirchenchor und ihrem bei den Nachbarn bekannten freundlichen Wesen. Dies war ein Zitat von uns, als die beiden freundlichen Reporter an unserer Türe geklingelt hatten. Ansonsten passierte nichts. Das Regenwetter zog sich. Irgendwann bekam man doch auch wieder Hunger. Die Wohnung blieb eine Zeitlang versiegelt. Dann wurde sie geräumt. Und schließlich zog wieder eine alleinstehende Frau ein, eine die gewiss starke Nerven hatte oder eben schon sehr lange eine Wohnung gesucht hatte. Der Mörder wurde einige Wochen später gefasst, es war ein ganz einfacher spontaner Raubmord gewesen, für sie eine Urlaubsbekanntschaft, der sie treuherzig die Adresse gegeben hatte, für ihn der missglückte Traum vom schnellen Reichtum. Für uns hinterließ es Nichts.
3. So härtete man sich ab. Es sind viele Jahre vergangen seither, und nur selten hörte ich von einem Mord in unserer Stadt. Die anspruchsvollen Zeitungen hielten sich mit Schreckensmeldungen zurück, solange sie nur das Private betraffen. Mord war eine Sache des Boulevards und des Lokalteils und den las ich nicht. Ich wusste nicht, was in Sachen Mord passierte, in diesen vielen Häusern und vielen Stockwerken. Vielleicht wussten Ärzte da besser Bescheid. Ärzte mussten Totenscheine ausstellen. Das war ihnen vermutlich auch nicht bewusst, als sie zu studieren anfingen. Man kann versuchen Menschen zu heilen, muss aber auch den Misserfolg festhalten, das Altern und das Ende. Ich wusste nicht, wann ein Arzt hinzugezogen wurde, wenn die Polizei einen Toten fand. Bestimmt gibt es da klare Regelungen. Nur wer sagte einem, wieviel Mitgefühl man haben musste, für die Menschen hinter all diesen Mauern und Wohnungen und Kaskaden von Stockwerken, die unsere Städte ausmachten.
Mittlerweile wohnte ich nicht mehr in der Stadt. Wir wollten mit den Kindern näher ins Grüne. Aber ich arbeitete nun für einen großen, internationalen Konzern und in dieser Funktion musste ich immer wieder in große Städte reisen, in Hotels absteigen. Hotels, die oft in Hochhäusern untergebracht waren, in denen es dutzendförmige Kassetten von Zimmern gibt, Stockwerk für Stockwerk, wie eine Bienenwabe, dort ging man über lange Flure, zwischen dem Aufzug und der Zimmertüre, und weiß auch nicht, was sich hinter all diesen Türen abspielt. Man vermutete das Beste, auch um sich zu schützen.
Letzthin hatte ich in einer Stadt in Nordchina zu arbeiten, es war mein erster Besuch dort. Eine Stadt in der kalten Zone von China, wo es angeblich herzlicher zuging, weil die Menschen dort mehr zusammenrückten. So habe ich es später auch erlebt. Aber nun war es gerade Sommer und kontinentale Wärme lag über dem ganzen Gebiet. Abends konnte man vor dem Hotel spazieren gehen. Ich war allein angereist, ohne Kollegen und war bei meinen Spaziergängen ganz auf mich gestellt. Das war ein wunderliches Gefühl, weil ich ja kein Wort von dem Chinesisch verstand und die Schrift nicht lesen konnte. Man ist dem Glück und der guten Ordnung ausgeliefert. Die meisten Menschen seien ja nun auch friedlich, sagte ich mir.
Vom Fenster meines Zimmers konnte ich einen Ausschnitt der Autobahn sehen, die sich seitlich vor dem Gebäude vorbeizog. Dennoch war es ruhig. Ein anderer westlicher Hotelgast, den ich beim Frühstück traf, hatte mir gesagt, dass das Hotel und auch die Autobahn ganz frisch gebaut und eröffnet worden waren, alles im Rahmen eines dieser magischen, leicht furchterregenden, chinesischen Stadtentwicklungsprojekte, denen sich die Bevölkerung in diesem Land unterwerfern muss. Hinter der Autobahn leuchteten einige große Stirntafeln in den Himmel, die für die darunterliegenden Restaurants und Bars warben. Etwas weiter dahinter erstreckte sich ein von einer hohen Mauer umzogenes, nobles Wohngebiet, in dem es Einfamilienhäuser gab. Die Einfahrtstraße dorthin war bewacht und von einer Schranke abgeriegelt. Ich war auf der anderen Seite, der anderen Seite der Autobahn, ohne Abriegelungen. Das Innere des Hotelzimmers war in noblem, dunklen Holz ausgelegt, und das große, mit Steinfliesen ausgelegte Bad und die Toilette waren mit einer durchgehende Glaswand vom Schlafbereich abgetrennt. Anfangs bin ich dagegen gelaufen, weil ich die Wand nicht gesehen hatte, so gut war sie geputzt. Auch zwischen Waschbecken und Duschbereich war noch einmal eine Glaswand.
Das Zimmer lag in einem sehr hohen Stockwerk, vielleicht dem vierzehnten. Aber ich war mir sicher, dass es auf allen Stockwerken gleich aussah. Denn die Architektur war so einfach konstruiert, dass eine Abweichung gar nicht denkbar war. Im Inneren des Gebäudes war ein Versorgungsturm von vier Aufzügen. Wenn man aus diesen herauskam, ging der Gang fensterlos und spärlich beleuchtet einmal im Viereck herum. Von dem Gang zweigten die Zimmer ab. Der innere Gang war nicht sehr breit und bot kaum Nischen. Der Gast ging in sein Zimmer wie in eine Schublade. In einer weiteren Zukunft, würde er sicher über eine Schiene dorthin einfahren. Die Zimmer hingegen waren erstaunlich geräumig.
Ich schaute aus dem nicht öffnenbaren Fenster sah auf das nächste Hochhaus und seitlich auf den Autobahnverkehr und die dahinterliegende Luxuswohnanlage. Alles fühlte sich weit weg an, sprachlich, zeitlich, selbst die Wetterzone außergewöhnlich, eingefasst in Möbel und ein nobel-sozialistisches Raumkonzept. Ich gab mich dem Jetlag hin und schlief. Die ganzen Woche ging wie im Nebelschleier vorbei. Ein Taxi hielt morgens an der Einfahrt und fuhr mich zum nächsten Hotel, in dem unsere Berater und Übersetzer einstiegen. Weiter ging es über eine Stunde durch den Stadtverkehr zum Arbeitswerk und abends wieder zurück. Dann wieder Fenster, Glaswand, Toilettenspülung, wachliegende Stunden nachts, im Fernsehen nur unverständlicher Spielequatsch. Auf einem Sender, bei dem ich am längsten blieb, liefen verlässlich heroische Arbeiter und Bauernfilme, rührend schlecht gespielt, aber mit gutaussehenden Darstellern. Die Augen fielen mir zu Unzeiten zu und starrten zu anderen aufgeschlagen an die Decke. Ich betrachtete den dicken Teppich und sann darüber nach, welche Flüssigkeiten darin versickern könnten.
Da tat es einen Schlag und noch einen, Glasscherben klirrten. Außerhalb meiner Zimmertür brüllte eine Männerstimme, drohte und überschlug sich. Eine wimmernde kleinere Stimme hielt dagegen. Wieder ein Schlag, etwas fiel gegen die Wand. Sie schrie auf, jetzt war es klar, eine Frauenstimme, schimpfte, redete schnell. Chinesisch ist eine Lautsprache, ich wusste nicht was Sätze waren mit oder ohne Bedeutung. Dagegen brummte er etwas Leises. Dann eine Ohrfeige, sie schrie auf. Da ging es heftig zu. Ich stand neben meinem Bett, hielt den Atem an und zitterte. Das was genau vor meiner Tür! Die waren im Gang, nicht im Zimmer.
Ohne Licht zu machen, schlich ich Schritt für Schritt zur Eingangstür, dort war ein Spionglas. Davor ein rundes Plättchen, das man beiseite schieben konnte. Ich stand davor und hatte Angst. Was konnte ich machen? Die Rezeption anrufen? Der Lärm ging weiter, wieder ein dumpfes Poltern, als hätte man einen Schuh geworfen. Ich sah einen Schimmer Licht hinter dem Plättchen. Wenn ich es beiseite schieben würde, würde es vielleicht einen Laut machen. Oder man könnte auf der Gegenseite eine Veränderung der Spiegelung ausmachen. Ich wartete ab. Wieder schwoll ihre Stimme an. Wieder gab es ein wuchtiges Geräusch, so als würde er sie gegen die Wand werfen und pressen, ihre Kleidung rieb an der Wand. Ich stellte mir vor, wie er ihren Hals umgriff. Sollte ich anrufen? Bei dieser Rezeption, die kein Englisch verstand? Wo würde das hinführen? Würden sie hier hochkommen? Würden sie Polizei mitbringen? In China wüsste ich nicht wie sich Polizei verhält. Würde der Mann eine Waffe ziehen, um sich schießen, durch meine Tür durch, weil ich die Polizei gerufen hatte? Ich zögerte. Eigentlich zögerte ich nicht. Ich wusste sicher, dass ich nichts tun würde. Sollte er sie doch umbringen, sollten doch andere ihre Zimmertüren öffnen und einschreiten! Aber keine Tür öffnete sich. War ich der einzige, weitere Gast auf diesem Stockwerk? Morgens beim Frühstück waren wir mehrere, aber voll war das Hotel sicher nicht. Draußen ging das Schlagen weiter. Die Frau wimmerte und schrie immer wieder auf, keifte wütende Stimmenklänge gegen ihren Widersacher. Dann klatschte wieder etwas. Sie wurde ganz offenbar verprügelt. Jetzt schnappte die Tür, die Nebentür wurde geöffnet und er schob sie an der Wand entlang ins Zimmer hinein, dann fiel die Tür ins Schloss. Jetzt war das Gekeife dumpfer, ging aber weiter, seine Stimme stieß jetzt eher mit kurzen Befehlen gegen sie, er hatte es nicht mehr nötig etwas zu erklären. Offenbar hatte er sie jetzt aufs Bett geschmissen. Vielleicht wurde sie jetzt weiter vermöbelt, vielleicht vergewaltigt. Ich meinte noch ein weiteres Wimmern zu hören, aber dann wurde es still. Ich stand immer noch an der Tür und zitterte weiter. Und hatte eine hilflose Wut im Bauch. So weit war ich gekommen! Dass so etwas passierte und ich nichts tat. Gut, ich konnte die Umstände geltend machen, aber allein der Lärm saß mir noch in den Knochen. Ich hatte mehr Angst um mich, als um diese Frau. Na, schön, dann war das eben so, Verbrechen geschahen nun mal, im Film wie in der Wirklichkeit. Da musste man abgebrüht reagieren. Ich setzte mich aufs Bett. An Schlaf war nicht zu denken. Was sie jetzt wohl machten? Entweder hatten sie ihn sexuell befriedigt, oder er zerschnitt sie gerade in ihre Einzelteile. Vielleicht auch beides. Mit einem langen Messer schnitt er ihre Arme entlang, schälte die Adern auf, das Blut floss über die weiße Bettwäsche und tropfte seitlich in den dicken Teppich. Ich konnte es mir lebhaft vorstellen. Ich hatte die Szene aus dem Paten vor Augen, als sie ihm einen blutenden Pferdekopf ins Bett gelegt hatten, statt seiner Frau. Und dieser Schrei, als er die rotgelaufene Bettwäsche zurückschlug. Eine kunstvolle Szene. Etwas für Kenner. Mich überkam eine ekelhafte Stimmung. Ich rieb mir im Schneidersitz auf dem Bett die Füße, aber spürte gleichzeitig den kalten Schweiß unter den Achseln. Da gehörte ich nun hin. Nach China, in diese Szene. Drüben, hinter der Wand, eine seelenlose, bleiche Frau mit verdrehten Augen. Daneben ein bulliger Chinese, mit vielen Tatoos und Ringen, der jetzt vermutlich einen Alkohol nach dem anderen hinabkippte. Und mit einem wild gläsernen Blick meine Wand anstarrte. Von seiner Seite. Ich schaute zurück, gerötet, mit geweiteten Augen, aber auch irgendwie kalt. Vielleicht schreckenskalt, aber jedenfalls wach. An Schlaf war nicht zu denken, was auch immer für eine Uhrzeit war. Immer noch hämmerte mein Pulsschlag. Ich ging ans Fenster. Unten fuhren immer noch Autos herum. Vereinzelte Fahrzeuge, aber regelmäßig. Von der Seite schimmerte Laternenlicht. Am anderen Hochhaus waren alle Fenster aus. Nur das Treppenhaus bot einen fahlen Leuchtstreifen, der die Stockwerke verband. Ich zog einen Pullover über den Schlafanzug und den Bademantel darüber und legte mich zurück aufs Bett. Ich wollte nicht mehr zittern. Irgendwann schlief ich ein.
Am nächsten Morgen war alles wie immer. Als ich aus dem Zimmer trat, war die nächste Tür geschlossen. Ich schaute kurz hin, ob man über den Spion eine Bewegung dahinter erkennen könnte, aber es schien mir nicht so. Hatte vor den Aufzügen eine Vase gestanden? Jetzt stand keine da. Unten im Frühstücksraum geschäftiges Gedränge. Wo kamen die alle her? Wo waren die in der Nacht gewesen? Mehrere chinesische Geschäftsleute, keine Frauen. Vermutlich waren die beiden noch nicht aufgestanden. Oder er nicht, und sie lag und würde liegen bleiben. Ich nahm mir Obst. Das Leben ging weiter. Es ging immer weiter. Ich wusste was ich wahrgenommen hatte, der Lärm, die Schreie, die Schläge, nichts weiter. Ich konnte immer sagen, dass ich es mir nur eingebildet hatte. Das es gar nicht passiert war. Es gibt so gute Horrorfilme, da konnte man sich schon einmal irren. Was war schon Gewalt? Es gab Größenordnungen, da können wir etwas unternehmen und andere, da ging es nicht. Da musste man sie einfach geschehen lassen. Aber berauschen daran würde ich mich nicht.